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| Verein zur Förderung des christlich-jüdischen Gesprächs in der Evang.-Luth. Kirche in Bayern e.V. |
Home / Aktuell Aktivitäten Wir über uns Materialien Links Kontakt | Der Versuch einer Stellungnahme zum Nahostkonflikt1. Vorbemerkung Wann immer sich diejenigen, die nicht in Israel bzw. in Palästina leben, zu dem Konflikt äußern, sollten sie zweierlei unbedingt mitbedenken: a) Sie reden vom grünen Tisch, keiner kennt die Angst, die tagtäglich auf israelischer Seite mitläuft vor erneuten terroristischen Gewaltverbrechen, und keiner kennt die Demütigungen, denen Palästinenser durch die Besatzer ausgesetzt sind. b) Wir als Deutsche und Christen sind Teil des Problems, schon das verbietet, mit einfachen Ratschlägen und/oder Lösungen auf den Plan zu treten. Wir sind Teil des Problems, weil die Shoah für die Überlebenden keinen anderen Weg lässt, als dass Jüdinnen und Juden einen eigenen geschützten Raum haben und weil bis heute europäische Politik einen wesentlichen Faktor im politischen Geschehen des Nahen Ostens ausmacht. 2. Theologische Eckpunkte Die Vertreibung der Juden aus Europa hat erheblich zur Staatsgründung beigetragen. Israel ist nach 1948 Zufluchtsstätte - nach der jahrhundertelangen Geschichte von Vertreibung und Verfolgung ist dies auf Dauer nötig. In vielen Erklärungen beteuern die katholische und evangelische Kirchen nach 1945, dass Gottes Treue Israel unwiderruflich gilt. Sie vollziehen damit eine deutliche Wende von dem Irrweg, der für Israel nur einen Platz unter dem Gericht Gottes vorgesehen hatte. Wenn wir Volk und Land nicht spiritualisieren, dann sind die fortdauernde Existenz des jüdischen Volkes, die Heimkehr in das Land der Verheißung und auch die Errichtung des Staates Israel (nämlich als Zufluchtsstätte) Zeichen der Treue Gottes gegenüber seinem Volk, im Sinne "eines Hinweises ..., der über sich hinausweist auf die Bewahrung des Volkes in der Schoa und auf den Neuanfang." (Martin Stöhr. Israel - Volk - Land - Staat. Zwischen Heilsgeschehen und Unheilsgeschichte. In: Materialdienst Evangelischer Arbeitskreis Kirche und Israel in Hessen und Nassau. Nr. 1/2004. S. 3) 3. Historische Eckpunkte Als palästinensische Bürger galten im britischen Mandatsgebiet Juden, Christen, Muslime, Drusen, waren sie Araber oder Juden, Alteingesessene oder Neueinwanderer bis 1948. Einen Einschnitt markiert das Jahr 1967. Mit dem 6-Tage-Krieg fallen das von Jordanien besetzte Westjordanland und der Gazastreifen unter israelische Besatzung. Die dortige arabische Bevölkerung hatte weder die israelische noch die jordanische Staatsbürgerschaft inne. Die Menschen dort leben als Flüchtlinge oder Vertriebene aus dem Israel der Waffenstillstandslinien (bis 1967) oft in Flüchtlingslagern und verstehen sich von nun an als Palästinenser, sie entdecken, nun selbst ein Volk zu sein und kämpfen um ihr Selbstbestimmungsrecht. Zwar wird mit dem Osloer Abkommen Israel anerkannt, dennoch bleiben bedeutende Strömungen im palästinensischen Lager dabei, die Existenz Israels zu leugnen, zu bedrohen oder beenden zu wollen. 4. Wahrnehmungsebene Auf palästinensischer Seite herrscht Wut, Empörung, Niedergeschlagenheit vor. Palästinenser erleben eine in ihren Augen willkürliche Besatzungsmacht, Häuser werden zerstört, Gebiete abgetrennt, jüdische Siedlungen inmitten des palästinensischen Gebietes gebaut, Grenzen werden abgeriegelt, so dass es unmöglich wird, die Arbeitsstelle aufzusuchen und Geld zu verdienen. Beide Geschichten sind wahr, beide haben Recht. 5. Handlungsebene b) Kritik an der Politik des Staates Israel wird tagtäglich in den Medien geübt, deshalb sind alle Versuche, Kritik an der Politik Israels als Tabubruch zu stilisieren, klar abzuweisen. Voraussetzung jeder Kritik an der Politik des Staates Israel ist das uneingeschränkte Eintreten für die Existenz dieses Staates. Kritik muss immer konkret, sachgemäß und verhältnismäßig sein und darf nicht verallgemeinernd von den Israelis oder den Palästinensern reden An die Politik des Staates Israel können nur die Maßstäbe angelegt werden, die auch für jeden anderen Staat gelten. Antisemitisch wird Kritik an Israel, wenn israelische Politik allzu pauschal als ‚typisch jüdisch' (o.ä.) bezeichnet, mit nationalsozialistischen Verbrechen verglichen wird oder wenn dem Staat Israel nicht - wie allen Staaten - das Recht auf Selbstverteidigung zugebilligt wird. c) Kritik an der Politik der Palästinenser muss in ebenso klarer, sachgemäßer und verhältnismäßiger Weise zum Ausdruck kommen. Selbstmordattentate sind Terrorismus und mit nichts zu rechtfertigen. Die Kritik soll getragen sein von dem genauso eindeutigen Eintreten für das Recht der Palästinenser auf Selbstbestimmung. d) Fundamentalistischen Kreisen, ob Juden, Christen oder Muslimen, muss von uns klar entgegengesetzt werden, dass religiöse Bücher zwar Leitlinien für das politische Handeln beinhalten, aber keine konkreten Handlungsanweisungen für aktuelle Auseinandersetzungen geben. Hier sind wir als christliche Gruppierung insbesondere gegenüber jenen christlichen Kreisen gefordert, die aufgrund der Bibel ein Großisrael fordern. In deren Sichtweise ist dies eine Voraussetzung für die Wiederkunft des Messias. Letztlich wird Israel damit für die eigenen Zwecke und Wünsche instrumentalisiert. Das Leiden der Menschen in Israel und Palästina wird in diesem Drama der Endzeit billigend in Kauf genommen. e) In Israel gibt es viele regierungskritische Stimmen mit sehr unterschiedlichen Optionen in der Frage der Koexistenz mit den Palästinensern. Wir tun gut daran, das Konzert der Stimmen zu hören und uns nicht nur genehme Personen auszusuchen, die in der israelischen Friedensbewegung aktiv sind. f) Besonders Projekte im Bereich Bildung und Erziehung, die versuchen, festgefahrene Bilder über den jeweils Anderen aufzubrechen und zu korrigieren, verdienen Gehör und Unterstützung (z. B. Abrahams Herberge in Beit Jala, Neve Schalom, Aktion Sühnezeichen u.a.) g) Um die Menschen in Israel und Palästina zu unterstützen und um sich ein eigenes Bild von der Lage zu machen, ist die beste Möglichkeit, in das Land zu reisen: Für Touristen ist das Sicherheitsrisiko bei Beachtung der Sicherheitshinweise gering. Für Israel und Palästina ist das Ausbleiben des Tourismus ein wirtschaftliches Fiasko, mit einer Reise kann Solidarität vom bloßen Wort zur sichtbaren Unterstützung werden. h) Last not least: In der Fürbitte dafür beten, dass beide Völker nebeneinander leben können, dem Blutvergießen ein Ende machen und Wege finden aus der Ausweglosigkeit. Hans-Jürgen Müller |
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